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Michael Pinkerton: Ich habe eine faszinierende, wunderbare Entwicklung beobachten können

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 Interview mit Michael Pinkerton,
 artistic director der Vereinigten Bühnen Wien
 11/2007

 „Ich habe eine faszinierende, wunderbare Entwicklung beobachten können“

 Michael Pinkerton, künstlerischer Direktor der Vereinigten Bühnen Wien, im Gespräch mit Frederik Hanssen

 Eliza: Es grünt so grün, wenn Spaniens Blüten blühen.

 1995, als Michael Pinkerton zum ersten Mal in der Musical-Jury des Bundeswettbewerbs Gesang Berlin saß, ging es den meisten Bewerbern noch wie Eliza Doolittle aus „My Fair Lady“: Sie wollten unbedingt nach oben, gesellschaftsfähig werden, vom Tramp zur Lady und buchstabierten sich darum wild entschlossen durch die Songs und Szenen: Aber da blieb immer dieser verräterische Akzent. Zum Glück aber gab es Menschen aus dem Geburtsland des Musicals, die gerne die Rolle des Professor Higgins übernahmen und sich der Herausforderung stellten, den Nachwuchskräften zu erklären, dass Musical „wirklich etwas Eigenes ist und keine Sonderform der Operette“.
 Nach dem Studium in Louisville und Maryland zog es Michael Pinkerton in die österreichische Hauptstadt, um hier seine klassische Gesangsausbildung zu vervollkommnen. Er arbeitete bei der Wiener Kammeroper und an der Stuttgarter Oper, begann parallel zum Singen auch zu inszenieren, brachte beispielsweise 2001 in Berlin das „Emil und die Detektive“-Musical auf die Bühne am Potsdamer Platz. An der Bayerischen Theaterakademie gründete er den Musical-Lehrgang, wurde 1995 Leiter der künstlerischen Produktion bei den Vereinigten Bühnen Wien, wechselte für ein paar Jahre zum Unterhaltungskonzern Stella Entertainment, um 2002 in die österreichische Hauptstadt zurückzukehren, wo er seitdem als artistic director die künstlerische Linie der drei Musical-Häuser prägt.

 Higgins: Ich glaub, jetzt hat sie’s! Ich glaub, jetzt hat sie’s!

 „Ich kann mich sehr gut an den ersten Wettbewerb erinnern, bei dem ich in Berlin in der Jury saß“, erzählt Pinkerton, „Da präsentierten die Bewerber vor allem veraltetes Repertoire. Nichts gegen ,Anatevka’ - aber in den frühen neunziger Jahren waren die deutschen Studenten wirklich nicht up to date, was die internationale Entwicklung betraf. Seitdem ist das Niveau von Mal zu Mal gestiegen. Ich habe eine faszinierende, wunderbare Entwicklung beobachten können: Heute meistern auch die deutschen Musicalstudenten alle drei Sparten, die man für dieses Genre braucht: Schauspiel, Gesang und Tanz. Und was die Repertoireauswahl betrifft, sehe ich mittlerweile keinen Unterschied mehr zwischen dem, was in New York, London oder dem deutschsprachigen Raum passiert.“
 Die Studenten beobachten also die Entwicklung am Broadway ganz genau - nur die Chance, die neuesten coolen Avantgardestücke aus New York aufführen zu können, bekommen sie selten. Denn die meisten Musical-Anbieter setzten auf Mainstream, vor allem der deutsche Marktführer „Stage Entertainment“. Pinkerton hat dafür Verständnis: „Sie haben sehr große Häuser, die gefüllt werden müssen.“ Dennoch wünscht er sich, dass auch die Off-Broadway-Stücke hierzulande häufiger zu erleben sind: Aber in kleineren Theatern, weil diese Shows ja auch ursprünglich für intime Räume konzipiert wurden.

 Higgins: Ich sehe Krähen in der Nähe –
 Eliza: Rehe noch eher näher!

 Ein Problem aber treibt Michael Pinkerton um: „Leider sind die meisten deutschen Studenten beim Tanz noch zu schwach, um im internationalen Vergleich mithalten zu können.“ Das liegt für ihn an der Vorausbildung: „Viele Musical-Lehrer legen nicht genug Wert auf den Tanz. Wenn man aber nicht ganz früh damit beginnt, bleibt man limitiert in seiner Beweglichkeit. Zum Glück gibt es genug Stücke, für die man nicht perfekt tanzen können muss. Doch wenn wir Tanz-Musicals besetzen, steigt der Anteil von Ausländern sprunghaft an, weil wir bei den native speakers nicht genug Qualifizierte finden.“ Dennoch versuchen die Vereinigte Bühnen Wien in ihren Produktionen möglichst viele Muttersprachler einzusetzen: „Es handelt sich immerhin um Theaterstücke!“

 Eliza: Ich weiß, wie gut Sie zu mir sind!

 Pinkerton verhehlt nicht, dass er ein Gegner des staatlich finanzierten Studiums ist: „Ich finde es verheerend, dass man in Deutschland nichts bezahlen muss! Wenn sie die Ausbildung bezahlen müssen, haben die Studenten eine andere Einstellung zur Arbeit, wissen sie mehr zu schätzen. Natürlich soll jeder, der talentiert ist, Musicaldarsteller werden können - aber eben lieber mit Hilfe eines Stipendiensystems wie in den USA.“ Mit Interesse beobachtet er, dass Angebote wie die private Academy der „Stage Entertainment“ den Hochschulen mittlerweile starke Konkurrenz machen.
 Die Teilnahme am Bundeswettbewerb Gesang Berlin stellt für Pinkerton übrigens „einen wesentlichen Teil der Ausbildung“ dar: „Es ist wahnsinnig wichtig für die Erfahrung der jungen Leute, so ein anstrengendes, langes Programm vorbereiten zu müssen.“ Wer es bei diesem „wichtigsten Wettbewerb für das Genre im ganzen deutschsprachigen Raum von der Bundesrepublik über Österreich bis in die Schweiz“ schafft, hat gute Karten: „Aus dem Talent-Pool, der sich hier präsentiert, schöpfen wir alle. Wenn ich bei einer Audition im Lebenslauf lese, dass jemand im Finale des Bundeswettbewerbs gestanden hat, ist das für mich immer ein Qualitätssignal.“

 Higgins: Noch einmal! Wann ergrünt das Grün?
 Eliza: Wenn die Blüten erblühn!
 Higgins: Was macht das blöde Grün?
 Eliza: Es grünt so grün!

 Musicaldarsteller ist ein Beruf mit Zukunft, davon ist Michael Pinkerton überzeugt: „Das Musical blüht weiter auf, die Zuschauer verstehen jetzt noch besser, dass die Mischung aus Tanz, Gesang und Schauspiel dieses Genre so spannend macht. Es war immer ein Irrtum, vom Ende des Booms zu sprechen, nur weil plötzlich die Stücke nicht mehr ewig gespielt wurden, sondern ganz normale Laufzeiten hatten. Das war eine von der Presse herbei geschriebene Krise. Das Publikum hat davon gar nichts bemerkt.“

 Frederik Hanssen

 Weitere Informationen:
 Ulrike Gross, Tel.: (030) 23 26 23 70, (0173) 6 00 34 27
 info@bundeswettbewerbgesang.de
 www.bundeswettbewerbgesang.de

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